Alternative Indie Definitions
Wie Independent ist Independent?
Die Zeitschrift Musikexpress (z.B. Ausgabe, XXX) betont immer wieder, der Independent sei angesichts „mangelnder“ Definition nicht so recht einzuordnen. Diese Aussage ist einerseits richtig, auf der anderen Seite falsch. Was stimmt, ist dass eine klare Grenzziehung nicht möglich ist – wo Indie anfängt und wo diese Musikrichtung aufhört, kann wirklich niemand so recht sagen. Falsch jedoch ist, dass die Definition fehlt: Independent ist gerade per Definition „unangepasst“ – eine Einordnung in Schubladen wäre somit ein klarer Verstoß gegen die Definition.
Alternative Indie: Wider den Kommerz
Eigentlich ist der Independent aus einer Art Zwang heraus geboren – Künstler oder Bands, die keinen Plattenvertrag hatten, mussten eben wohl oder übel ihren eigenen „independent“ Weg gehen, um überhaupt Musik machen zu können. Independent war somit nur der, der ohne Plattenvertrag dastand und somit „nicht kommerziell“ war. Diese Zeiten sind jedoch vorbei – auch wenn einige Anhänger noch heute auf dieser Basis Abend-füllende Gespräche führen.
Alternative Indie – Independent Prototypen
„Indie“ ist zu einer Marke geworden, die sich bestens verkauft. Die „neue Unabhängigkeit“ muss sich also aus anderen Quellen speisen. Hier scheint es ganz unterschiedliche Typen zu geben, die zumindest in gewisser Weise Independent (z.B. eigenständig oder unangepasst) sind:
- Der Unangepasste: Insbesondere unter den Veteranen finden sie sich, die unangepassten Indie-Heroen, die seit Urzeiten ihre Kreise abseits jeglicher Trends ziehen. Wahre Prototypen sind hier sicherlich Phillip Boa, New Model Army und vielleicht sogar The Cure (obwohl wir letztere sicherlich auch in einer der anderen Kategorien wiederfinden). Alle Jubeljahre wird hier ein Album veröffentlicht, dass mehr oder weniger nur die (durchaus zahlreichen) Fans interessiert.
- Der Genre-übergreifende: Er bedient sich unterschiedlichen Stilen nach Lust und Laune und fühlt sich im Idealfall in keiner Schublade so richtig wohl. Waren früher vielleicht Daft Punk seltene Exemplare, so gebührt heute insbesondere dem Hip Hop-Künstler Kanye West die Ehre. Immerhin versteht es der US-amerikanische Künstler als seine Mission, die Grenzen des Hip Hop aufzubrechen und mixt Rap-Musik fröhlich mit Gesang, elektronischen Frickeleien und einem fast schon symptomatischen Sample eben von Daft Punk. Auch die Aussage, künftig auf einem niedrigeren Level produzierten zu wollen und sich den Luxus von weniger Fans zu leisten, ist doch wohl sowas von Independent.
- Der „Dilettantische“ (bitte die Gänsefüschen ausdrücklich mitlesen): Bands wie Tocotronic oder Die Sterne klingen in der Tat noch (ungefähr) so, als würden sie ihre musikalischen Erzeugnisse im Keller einspielen und anschließend auf Demo-Tapes vertreiben.
- Die Botschafter: In Zeiten, in denen P***** und F***** häufig die einzige musikalische Botschaft ist, ecken die Botschafter im Indieeland an – zumindest aber haben sie einiges zu sagen (in politischer, gesellschaftskritischer oder philosophischer Hinsicht). Natürlich fallen auch Tocotronic unter diese Kategorie, ebenso wie Blumfeld und Element of Crime).
- Die Stadion-Bands: Wie bereits gesagt, ist Indie zu einer kommerziell äußerst erfolgreichen Marke geworden; die Musik-Industrie hat dies bereits vor mehreren Jahren erkannt. Während Bands wie Coldplay oder Nickelback niemals so richtig Independent oder Alternative waren, werden Depeche Mode, U2 oder R.E.M. (beinahe) voll und ganz anerkannt – sowohl von den Fans als auch seitens der Musik-Journaille. Die zuletzt genannten haben eben schlicht solche Phasen in ihrer Karriere durchgemacht, die sie als Vertreter die vagen Genres etablierten.
Sicherlich könnte man noch einige Kategorien öffnen, um einen Blick in die Kommode des Indie zu werden, die selten so richtig aufgeräumt ist und meistens doch ein wenig klemmt. Vielleicht hat ja der eine oder andere Leser einen Vorschlag im (Hinter-)Stübchen… gern werden wir diesen aufgreifen und auch in unsere Kommode packen.




